Anästhesie und Schmerzmanagement
Anästhesie ist die individuelle Anwendung von Narkosemitteln zur Schmerzausschaltung, Muskelentspannung und Bewusstlosigkeit während, diagnostischer und/oder chirurgischer Eingriffe während Schmerzmanagement die individuelle und multimodale Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen ist.
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Über die Behandlung
Wortwörtlich versteht man unter Anästhesie ein Ausschalten der Empfindungen, also ein Erreichen eines Zustandes der Bewusstlosigkeit, der Schmerzfreiheit und der Muskelentspannung, damit chirurgische oder diagnostische Eingriffe durchgeführt werden können. Körperfunktionen wie selbständiges Atmen oder der Herzschlag bleiben dabei erhalten. Nur in Ausnahmefällen – z.B. bei einer Operation am geöffneten Brustkorb – werden diese Funktionen von einer Herz-Lungenmaschine übernommen.
Wenn man das Tier nur in einen leichten Schlaf versetzen oder vor allem den Stresslevel des Patienten reduzieren möchte (um etwa bei sehr nervösen Tieren Röntgenaufnahmen machen oder die Krallen schneiden zu können) kann eine Sedierung ausreichend sein. Bei einer Sedierung ist der Patient nicht völlig bewusstlos und kann Schmerzen oder stärkere Reize noch spüren. Der Übergang zur Narkose ist allerdings fließend und hängt auch von der Dosierung der Sedierungsmedikamente ab.
Im Unterschied dazu wird bei einer Lokalanästhesie der Schmerz nur in einem bestimmten Bereich des Körpers ausgeschaltet, das Bewusstsein dabei aber nicht beeinträchtigt. Sie wird häufig gemeinsam mit einer Narkose angewendet, um eine noch umfassendere Schmerzausschaltung zu garantieren, z.B. bei der Extraktion eines Zahnes oder als Injektion in die Haut und Unterhaut entlang der Schnittstelle bei einer Bauch-OP.
Bei jeder Narkose oder Sedierung wird immer darauf geachtet, etwaige Schmerzen am besten schon im Vorhinein auszuschalten, damit Ihr Tier zu keinem Zeitpunkt schmerzhaft ist. Je nach Eingriff kann mit einer Schmerzmedikation (Analgesie) schon in den Tagen davor begonnen werden, zudem ist bei den einleitenden Medikamenten vor der Narkose (der Prämedikation) meist schon ein Schmerzmittel enthalten.
Generell kann man zwischen verschiedenen Schmerzmittelkategorien unterscheiden, die alle auf unterschiedliche Art und Weise auf die Schmerzleitungsbahnen bzw. die Schmerzrezeptoren im Körper wirken. Dazu gehören z.B. Opioide, nichtsteroidale Analgetika, Lokalanästhetika oder auch andere Kategorien von Schmerzmitteln, zu denen z.B. Ketamin oder Gabapentin gehören.
Oft wird auch nicht nur eines eingesetzt, sondern vor allem bei sehr schmerzhaften Erkrankungen und Verletzungen oder sehr invasiven operativen Eingriffen wird eine Kombination von Schmerzmitteln aus verschiedenen Kategorien angewendet, um das Schmerzempfinden aus möglichst allen Richtungen auszuschalten. Das bezeichnet man als multimodales Schmerzmanagement. Das Ziel dabei ist es, Schmerzen wenn möglich erst gar nicht entstehen zu lassen, da es deutlich schwieriger ist schon vorhandene Schmerzen zu lindern als sie von vornherein zu vermeiden.
Welche Schmerzmittel für Ihr Haustier geeignet sind hängt von verschiedenen Faktoren ab:
Wie alt ist das Tier? Wie schmerzhaft ist die Erkrankung bzw. der Eingriff? Gibt es andere Erkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, die die Wahl des Schmerzmittels beeinflussen können? Z.B. eine chronische Nierenerkrankung, eine Magen-Darm-Erkrankung oder eine erhöhte Blutungsneigung? Oder bekommt das Tier schon andere Medikamente, die eventuell Wechselwirkungen mit den Schmerzmitteln verursachen können?
❗️Narkoserisiko: mit den heutigen Narkosemedikamenten und der Weiterentwicklung von Anästhesie- und Überwachungstechnologien sind Narkosen heute sehr sicher.
Zur besseren Einschätzung des Narkoserisikos eines Patienten wird in der Veterinärmedizin das Klassifizierungssystem der ASA (American Society of Anesthesiologists) herangezogen. Die Tiere werden dabei in 5 Kategorien eingeteilt, von ASA I (= minimales Narkoserisiko) für ein gesundes Tier bis zu ASA V (= sehr hohes Narkoserisiko) für ein schwer krankes Tier, das aber ohne operativen Eingriff nicht überleben würde. Faktoren wie Alter, Art der Erkrankung, etwaige andere Erkrankungen (Komorbiditäten), oder bestimmte rassespezifische Merkmale fließen in diese Beurteilung ein. Brachycephale Rassen z.B. haben aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten ein erhöhtes Risiko und brauchen ein besonders intensives Atemwegs- und Magen-Darmmanagement vor, während und nach der Narkose.
Basierend auf dieser Einteilung werden dann die Medikamente für Narkose und Prämedikation ausgesucht, die Eingriffe nach ihrer Wichtigkeit beurteilt und all diese Informationen vorab an das gesamte beteiligte tierärztliche Team weitergegeben.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt aber immer ein gewisses Risiko für Komplikationen und unvorhersehbare Zwischenfälle. Das können z.B. sein:
- Aspirationspneumonie (wenn das Tier in Narkose erbricht kann Mageninhalt in die Atemwege gelangen)
- Allergische Reaktionen auf Medikamente, bzw. Narkosemittel
- Krampfanfälle
- Übelkeit nach der Narkose
- Herzstillstand
- Organschädigungen/Organversagen nach der Narkose
- Komplikationen in Zusammenhang mit der Operation (Blutungen, Wundheilungsstörungen, usw.)
Wiederbelebung/Reanimation: im Falle eines Herz-Kreislaufstillstands während der Narkose wird sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Diese richten sich nach den aktuellen Leitlinien der international anerkannten RECOVER-Initiative speziell für Hunde und Katzen – diese wurde gegründet, um die Überlebensraten nach einem Herz-Kreislaufstillstand zu verbessern.
Die Wiederbelebungsmaßnahmen bestehen einerseits aus den lebensrettenden Basismaßnahmen wie Herzdruckmassage und Beatmung, als auch den sogenannten erweiterten Maßnahmen - wie der Sicherstellung eines Gefäßzuganges, der Gabe von Notfallmedikamenten und der Überwachung der Patienten mittels Pulsoxymetrie (Messung der Sauerstoffsättigung im Blut), Kapnographie (Messung des CO2-Gehaltes in der Ausatemluft) und Elektrokardiographie. Mit diesen Überwachungsmaßnahmen können Anzeichen einer Rückkehr einer spontanen Herz-Kreislaufaktivität sofort erfasst werden.
So funktionierts:
Für die Vorbereitung und Durchführung einer Narkose sind mehrere Schritte nötig:
Klinische Untersuchung + Anamnese: im Vorfeld einer Narkose für einen diagnostischen oder operativen Eingriff wird immer eine gründliche Klinische Untersuchung und Anamnese zur Ermittlung des aktuellen Gesundheitszustandes durchgeführt. Dabei wird mit Ihnen der Ablauf der Narkose und etwaige Vorbereitungen zu Hause, wie die Dauer der Nahrungskarenz oder auch der Zeitpunkt einer Gabe von Langzeitmedikamenten vor der Narkose besprochen. Es werden aber auch Risiken und mögliche Komplikationen thematisiert und natürlich können in diesem Rahmen auch alle Ihre Fragen beantwortet werden. Hier wird auch entschieden, ob mit der Einnahme von Schmerzmedikamente schon vor dem Eingriff begonnen werden soll oder erst im Zuge der Prämedikation.
Prä-anästhetische Untersuchungen: je nachdem ob es sich um einen Routineeingriff bei einem gesunden Tier (z.B. eine Kastration oder eine Zahnsanierung) oder einen komplexen Eingriff bei einem Tier mit eventuell mehreren Erkrankungen und einem erhöhten Narkoserisiko handelt, sind im Vorfeld verschiedene weiterführende Untersuchungen empfohlen, bzw. nötig. Dazu gehören je nach Empfehlung Ihres tierärztlichen Teams u.a. Blutbild und Blutchemie, eine Harnuntersuchung, aber auch bildgebende Diagnostik (Röntgen, Ultraschall, MRT, CT), eine gründliche kardiologische Untersuchung oder Biopsien.
Vorbereitung zu Hause: der Patient muss nüchtern sein, das heißt er soll je nach Eingriff ca. 6 bis 12 Stunden nichts mehr gefressen haben. Im Normalfall bedeutet das also am Vorabend des Eingriffes um ca. 22h das Futter zu entfernen, Wasser darf bis zum Morgen des Eingriffs angeboten werden.
Diese Maßnahme ist nötig, damit im Falle eines Erbrechens während der Narkose kein Mageninhalt in die Lunge gelangt und eine sogenannte Aspirationspneumonie verursacht.
❗️Das gilt nicht für sehr junge Hunde- und Katzenwelpen, Meerschweinchen und Kaninchen: diese müssen bis zum Zeitpunkt der Prämedikation fressen, sonst kann es zu einer lebensgefährlichen Unterzuckerung (Hypoglykämie), bzw. einer kritischen Entgleisung der Darmflora kommen.
Prämedikation: um Ihr Tier auf die Narkose vorzubereiten werden ihm individuell abgestimmte beruhigende und schmerzlindernde Medikamente verabreicht und oft wird auch schon zu diesem Zeitpunkt ein Venenzugang gelegt. Manche bei der Prämedikation verwendeten Medikamente können auch dabei helfen, dass sich der Patient nicht mehr an die Zeit in der Klinik vor der Narkose oder Sedierung erinnert (retrograde Amnesie).
Narkose/Anästhesie: kurz wirksame Narkosemedikamente werden intravenös verabreicht, je nach Art und Dauer des Eingriffs wird die Narkose mit intravenösen Medikamenten aufrechterhalten oder ein Tubus in die Luftröhre eingeführt und die Narkose dann mit einem Inhalationsanästhetikum, das vom Patienten eingeatmet wird, aufrechterhalten. Gleichzeitig kann über diesen Tubus auch Sauerstoff zugeführt werden und das Tier bei einem Notfall beatmet werden.
Während der Narkose wird Ihr Tier natürlich ständig von unserem erfahrenen tierärztlichen Personal, bzw. unseren Anästhesist*innen überwacht. Dabei werden regelmäßig die Narkosetiefe, Herz-, Puls- und Atemfrequenz, Körpertemperatur und Schleimhäute überprüft. Zusätzlich werden auch noch mit speziellen medizinischen Geräten Parameter wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung des Blutes und CO2-Gehalt in der Atemluft gemessen und ein Elektrokardiogramm (EKG) aufgezeichnet. So kann sofort eingegriffen werden, wenn es zu einer Abweichung von den Normalwerten kommt.
All diese regelmäßig gemessenen Werte sowie alle Medikamentengaben vor, während und nach der Narkose (wie z.B. Schmerzmittel, Antibiotika oder Anticholinergika) werden schriftlich dokumentiert.
Bei sehr schmerzhaften Eingriffen können auch während der gesamten Narkosedauer und darüber hinaus Schmerzmedikamente kontinuierlich intravenös verabreicht und auch eine zusätzliche Schmerzausschaltung mit lokalen Betäubungsmitteln (Lokalanästhetika) erzielt werden.
Aufwachphase/postoperative Überwachung: nach dem Eingriff wird Ihr Tier selbstverständlich weiter überwacht, bis es vollständig wach und in der Lage ist selbstständig zu schlucken, zu gehen, zu fressen und Harn abzusetzen. Sollte der Patient in dieser Phase schmerzhaft oder ängstlich wirken, können wir gleich darauf reagieren und auch bei postoperativen Komplikationen (wie etwa Blutungen oder Kreislaufstörungen) können wir sofort eingreifen.
Nachsorge: im Normalfall können unsere Patienten noch am gleichen Tagnach Hause entlassenwerden, bei großen Eingriffen oder in kritischen Fällen kann es allerdings sein, dass sie ein oder mehrere Tage stationär aufgenommen werden und intensivmedizinisch behandelt werden müssen.
Unser tierärztliches Team wird alle Nachsorgeinstruktionen mit Ihnen besprechen und Ihnen Schmerzmedikamente bzw. etwaige weitere Medikamente mitgeben.
Nach einer OP ist so gut wie immer ein Verband, ein Wundschutzbody oder ein Halskragen nötig, um die Wunde sauber zu halten und den Patienten vom Kratzen oder Schlecken abzuhalten.
In den meisten Fällen sind auch Kontrolluntersuchungen in der Klinik nötig, um den Heilungsverlauf zu kontrollieren oder Maßnahmen wie Verbandswechsel, Röntgenaufnahmen oder Bluttests zur Verlaufskontrolle durchzuführen.
Verfasser:
Monika Herold-Wagner